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Jugendaustausch mit Brasilien 2011

Der Jugendaustausch zwischen dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Metzingen und Cáceres (Brasilien)


„Keine Einbahnstraße“


Vom 12.7.2011 bis zum 5.8.2011 verbrachten elf Gäste aus Mato Grosso (Brasilien) dreieinhalb erlebnisreiche Wochen bei ihren Gastfamilien in Metzingen.

Bei der Abschiedsfeier im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium hielt Oberbürgermeister Dr. Fiedler eine bewegende Rede, in der er den Metzinger Jugendlichen und ihren Partnern bestätigte: „Euer Austausch ist tatsächlich keine Einbahnstraße, man merkt, dass hier ein gegenseitiges Lernen stattgefunden hat, dass ihr miteinander und voneinander gelernt habt.“ Als Frau Mundle, die zusammen mit drei weiteren Lehrerinnen des Gymnasiums den Austausch geleitet hat, meinte, die diesjährigen Gäste hätten beim Austauschbesuch in Metzingen sogar ein bisschen Deutsch gelernt, schallte es aus verschiedenen Ecken mit brasilianischem Akzent: „Maultaschen! Kässchpätschle! ‚’Tschuldigun!“.

Dieses Austauschprojekt hat Tradition seit 2002, als die erste Gruppe Metzinger Jugendlicher des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums für sechs Wochen nach Cáceres gereist war und im Jahr darauf die Partner nach Metzingen eingeladen hatte. Ein Austausch auf Augenhöhe, das war von Anfang an das Ziel dieser Jugendbegegnung. Dass es diesmal besonders gut gelungen zu sein scheint, liegt vielleicht auch am Schwerpunktthema: „Vergleich von virtuellen und realen Erlebniswelten“, dadurch, dass ein Großteil des gemeinsamen Programms auf abenteuerlichen Erfahrungen sowohl in der Natur als auch in gesellschaftlichen Bereichen lag, bei denen keiner der Teilnehmer mit Samthandschuhen angefasst wurde. Vom Zelten und Klettern im Donautal über die Durchquerung der Gustav-Jakob-Höhle bei Grabenstetten bis zum Aufstieg zu einer Selbstversorgerhütte in den Alpen haben die Jugendlichen beider Länder gemerkt, dass hier niemand mit falscher Rücksichtnahme bedacht wird.

Auch das gemeinsame Anpacken hat die Gruppe gelernt. Bei der Projektwoche des Gymnasiums wurde brasilianisches Essen gekocht und verkauft, wurden die Besucher-Kinder beim Kistenklettern gesichert und wurde allen Interessierten ein Schnupperkurs im brasilianischen Kampftanz „Capoeira“ gegeben. Beim Besuch des Biolandhofes „Bleiche“, der Arbeitsplätze für Behinderte bietet, haben die Jugendlichen gemeinsam das Mittagessen zubereitet, im MAI erfuhren sie, wie Arbeitslose sich dafür einsetzen, nicht zum Nichtstun verdammt zu sein. Viel Einfühlungsvermögen zeigten sie auch im Gespräch mit den Flüchtlingen, die sie im Café International trafen, das von Metzinger Freiwilligen einmal im Monat im Klosterhof organisiert wird. Mit großer Offenheit ließen sie sich auf die Lebensgeschichten ein, die ihnen erzählt wurden von Menschen, die sich aus dem Irak, dem Iran, Kurdistan und anderen Ländern hierher aufgemacht haben, weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden oder keine Perspektive für ein menschenwürdiges Leben mehr sahen.

Auch die Führung in der Gedenkstätte nationalsozialistischen Unrechts und der Besuch in unserer Landeshauptstadt bot nicht touristisches Wohlfühlprogramm, sondern auch die Herausforderung, sich den Schattenseiten unserer Geschichte und einer aktuellen Großstadt zu stellen, von denen besonders die Gäste aus dem Schwellenland Brasilien nicht gedacht hatten, dass es so etwas in der „Ersten Welt“ gibt. Der Stadtführer war nämlich ein ehemaliger Obdachloser, der für die Obdachlosenorganisation „Trott-war“ diese alternative Stadtführung macht. Aber auch die deutschen Jugendlichen waren erstaunt, dass tatsächlich über ein Prozent der deutschen Bevölkerung auf der Straße lebt, das ist fast eine Million Menschen, davon sind über 100 000 Kinder. Auch auf eine Art bedrückend, aber gleichzeitig mit viel Spaß verbunden war ein Fußballturnier, das die Austauschgruppe mit den Bewohnern des Reutlinger sozialen Brennpunktviertels „Kleiner Bol“ austrug. Bedrückend, weil sie erfuhren, dass die gesellschaftliche Stellung der Kinder, die dort aufwachsen, vorgezeichnet ist: Für die meisten stellt sich nur die Frage, ob sie auf die Hauptschule gehen können oder auf die Sonderschule müssen. Ein großer Erfolg und ein Spaß für alle Beteiligten war dennoch das gemeinsame Fußballspiel mit anschließendem Grillen, bei dem es zu angeregten Gesprächen über alle Sprach- und sozialen Barrieren hinweg kam. Alle waren begeistert,  wie gut der Abend organisiert war, die Schiedsrichter wurden weniger beschimpft als bei der WM und zum Schluss meinten die „Boler“: „Wenn ihr wieder in Deutschland seid, müsst ihr unbedingt wieder mit uns Fußball spielen“.

All diese Programmpunkte, die die Teilnehmer dazu nötigten sich etwas Fremdartigem, Anstrengenden, aber sehr Realem und Körperlichen auszusetzen, wurden in den Reflexionen und Veranstaltungen dem entgegengestellt, was die Lebenswelt der Jugendlichen zunehmend prägt, nämlich den virtuellen Erlebniswelten der Chatrooms, der sozialen Internet-Netzwerke und der Computerspiele. Mit dieser Intention hielt der Metzinger Gemeinderat und Diplompädagoge (und unser ehemaliger Schüler) Steffen Uebele einen Vortrag darüber, wie sich die Jugendlichen bei uns in diesen virtuellen Welten bewegen und brachte so die Jugendlichen beider Länder ins Gespräch über ihre diesbezüglichen Erfahrungen. Auch die Arbeit in länderübergreifend gemischten Arbeitsgruppen forderte den Jugendlichen einiges ab: Ohne Übersetzung arbeiteten sie stundenlang miteinander zu den verschiedenen kulturellen, politischen, sozialen und historischen Fragen um unsere Länder und die Lebenswelten Jugendlicher darin miteinander zu vergleichen und ihre Ergebnisse auf Stellwänden festzuhalten.
 
Interkulturelles Lernen, miteinander und voneinander lernen: Was die Brasilianer sicher von den Deutschen haben lernen können, ist ein respektvoller und schonender Umgang mit unserer Natur; die Gäste haben gesehen, dass unser Land in der Umweltschutz-Erziehung schon recht vorbildlich ist. Sie haben gesehen, dass soziales Engagement in Metzingen ganz groß geschrieben wird und dabei gelernt, dass genug Geld zu haben nicht automatisch bedeuten muss, dass man nur noch an sich selber denkt. Und sie haben – zum Beispiel bei der Betriebsbesichtigung der Firma Rampf in Grafenberg – bewundern gelernt, zu was für global gefragten Ergebnissen schwäbischer Erfindergeist gepaart mit Metzinger Schaffermentalität führen kann. Aber auch die Deutschen haben von ihren Gästen viel gelernt: Aufgrund ihrer schwierigeren Lebensverhältnisse und ihrem langjährigem Engagement in sozialen Bewegungen und Basisgruppen haben die Brasilianer Eigenschaften entwickelt, die die deutschen Partner beeindruckt haben: Durchhaltevermögen, Hilfsbereitschaft, Organisationstalent und eine zupackende Art, von der mancher sich etwas abschauen konnte. Auch ihre Fähigkeit, sich über Ungerechtigkeit noch zu empören und sich dagegen einzusetzen, wirkte für die deutschen Jugendlichen ansteckend, denn die weit verbreitete Gleichgültigkeit, mit der hierzulande viele reagieren, ist für die wenigsten Jugendlichen eine wirklich befriedigende und nachahmenswerte Lebenshaltung.   

Dass diese Jugendbegegnung in Deutschland stattfinden konnte, ist dem Bundesjugendplans des Familienministeriums mit dem Jugendhaus Düsseldorf als Zentralstelle und dem Katholischen Fonds zu verdanken, denn beide Institutionen haben geholfen die Reise von Brasilien her zu finanzieren. Das Aktionsgruppenprogramm des BMZ beteiligte sich noch an der Programmfinanzierung. Da alle brasilianischen Gäste Vertreter von Basisgruppen, der kirchlichen Jugendarbeit und sozialen Bewegungen sind, kommen sie logischerweise nicht aus wohlhabenden Familien, sondern aus prekären Verhältnissen und wären nicht in der Lage einen größeren Teilnehmerbeitrag zu zahlen. Daher sind wir sehr dankbar für die Zuschüsse, die diesen Gegenbesuch ermöglichen.

Erstellt von: admin
Zuletzt verändert: 2011-10-06 17:08 PM
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