Wolfgang Huber 2011
Der frühere Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, im Gymnasium
Das Geld zu Gott gemacht
Er war nicht zum ersten Mal am Metzinger Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium: Schon 2002 hatte Religionslehrer Walter Stäbler Wolfgang Huber in die Sieben-Keltern-Stadt gelotst - damals war der charismatische Bischof allerdings noch nicht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, zu dem er 2003 gewählt wurde. Und: »Damals war ich auch noch nicht dreifacher Großvater.«, sagte Huber in der äußerst gut besuchten Neuen Aula des Metzinger Gymnasiums. Seine Enkel führen den Theologen, der 1942 in Straßburg geboren wurde, automatisch zu der Frage: »Was wird sein, wenn sie so alt sind, wie ich heute bin?«, sagte der ehemalige Bischof.
»Ich hoffe in der Zukunft auf eine solidarische Kirche.«, betonte er. In der Welt müsse die Verantwortung für die kommenden Generationen wieder eine zentrale Rolle spielen - was dann logischerweise auch zu all den anderen Fragen führe. Denen der Umweltzerstörung, des Klimaschutzes, zum Euro-Rettungsschirm, zur immensen Verschuldung, die sich die Staaten aufladen.
Zu diesem Thema gehöre auch, dass nun sieben Milliarden Menschen auf der Welt leben. Eine Milliarde davon »leidet schrecklich Hunger, eine Milliarde ist überernährt«. Das sei aber kein Naturgesetz, »sondern von uns gemacht - das ist ein Skandal«. Es gehe um Nahrungsgerechtigkeit.
Um Gerechtigkeit gehe es aber auch bei den heutigen Finanzmärkten, die nur einen Schluss zulassen: »Wir haben Geld zu Gott gemacht.«, tanzen ums Goldene Kalb der Börsen, der Finanzmärkte. »Wir Christen müssen eine eigene Stellung in die Debatte einbringen.«, forderte Wolfgang Huber.
So hielt der Bischof - der in Heidelberg, Tübingen und Göttingen Theologie studierte, in Reutlingen und Nürtingen Vikar war - keinen abgehobenen theologischen Vortrag, sondern führte den zahlreichen Zuhörern sehr deutlich vor Augen, wie die Kirche der Zukunft seiner Meinung nach aussehen sollte.
Hörbereit müsse sie sein, die Kirche von Morgen. Auf die Menschen zugehen, sie anhören, sich mit ihnen auseinandersetzen, von ihnen lernen. Dabei dürfe Kirche sich aber nicht verstecken - »erkennbar wird Kirche dadurch, wie Christen wirken«. Nämlich durch praktizierte Nächstenliebe, durch die Anwaltschaft für die Schwächsten. Und das alles in der »Erlebnis- und Informationsgesellschaft, in der jeder alles sofort will, möglichst intensiv und jederzeit verfügbar«.
Wie soll man da heutzutage noch Religion leben, einen Glauben, der doch »mit Verlangsamung zu tun hat, nicht mit Beschleunigung und mit Eventcharakter«? Es gebe eben auch die Gegenbeispiele, wenn Kirchenräume wieder gesucht würden, wegen ihrer Aura, wegen der Stille, die man dort finden kann. Auch heute noch ist Huber fasziniert von Dietrich Bonhoeffer, dem Namensgeber des Metzinger Gymnasiums, das der Bischof »ins Herz geschlossen« hat. »Wer mal von Bonhoeffer gepackt wurde«, könne nicht einfach hinnehmen, dass die Welt so ist wie sie ist.
Im Dialog müsse die Kirche erfahren, wie es den Menschen geht, was sie erwarten. Auch mit Muslimen. Wobei Huber es als fatalen Fehler bezeichnet, alle Menschen türkischer oder arabischer Abstammung als Muslime einzuordnen. »Das wäre genauso, als wenn man alle Schwaben in Berlin als evangelisch einstufen würde«, so der Theologe.
Mit freundlicher Genehmigung des Reutlinger General-Anzeigers, Autor: Norbert Leister