Woyzeck
Am Freitag, dem 20.5.2011, war die Spannung in der vollbesetzten Neuen Aula groß. Wie würde es der Theater-AG von Herrn Bohnstedt gelingen, mit Büchners Vormärz-Tragödie Woyzeck einen eher nachdenklich stimmenden Stoff umzusetzen? Im Mittelpunkt des Dramas von 1836 steht der Soldat Franz Woyzeck, der an Wahnvorstellungen und einem an ihm durchgeführten Ernährungsexperiment eines ambitionierten Wissenschaftlers leidet. Der arme, durch seine Arbeit immer rastlose Soldat wird von allen Seiten gedemütigt, vor allem von seinem Vorgesetzten, dem Hautpmann, und dem Doktor, der nur am Ergebnis seines Experiments interessiert ist. Dieser freut sich deshalb sogar über Woyzecks Krankheitssymptome. Zudem wird Woyzeck von seiner Partnerin Marie, mit der er ein Kind hat und an die er seinen Lohn weitergibt, betrogen. Sie fühlt sich zu einem attraktiveren Tambourmajor hingezogen. Schließlich ersticht Woyzeck Marie aus Eifersucht, aber auch Stimmen folgend, die sich ihm in seinem stärker werdenden Wahn immer mehr aufgedrängt hatten.
Die Theater-AG meisterte diese Herausforderung mit Bravour. In der von Frau Hack musikalisch begleiteten, überwiegend texttreuen Inszenierung gelang es Martin R. als Woyzeck eindrucksvoll, die bedrückende innere Not Woyzecks zu vermitteln. Sogar die nicht leicht zu spielenden Wahnsinnsszenen gelangen ihm, das Publikum folgte gebannt. Marie als getriebene, aus der Armut fliehende Frau brachte Anna L. mit viel Nachdruck glaubwürdig zur Geltung. Daneben verstanden es Timo K. als Hauptmann, Annemieke H. als Doktor und Marvin H. als Tambourmajor, die Lust dieser Peiniger Woyzecks an dessen Ausgeliefertsein zu verdeutlichen. So konnte dem Zuschauer der arme Woyzeck wirklich Leid tun. Über eine besonders gelungene Inszenierungsidee konnten sich die Zuschauer dann freuen, als Marie und andere Bewohner des Städtchens einer Folge von DSDS live folgen durften. Der Moderator Dieter Bohlen, bedrohlich echt verkörpert von Carsten R. und assistiert von einer fernsehgerecht exaltierten Assistentin Sonja (Jana W.), exerzierte mit seinen drei Kandidaten (mit perfekt dosierter Übertreibung: Timo K., Jasmin S.) eine Form der Demütigung Schwächerer durch, die auch Woyzeck in krasserer Form erleben muss. Auf der Bühne mochte die Stadtgesellschaft (u. a. Jennifer K., Moritz F., Colin W.) darüber gerne jubeln, wie auch Luisa K. und Helen M. als betrunkene, vorurteilsstrotzenden Unsinn redende Handwerkergesellen die animalische Dimension des Menschen nachvollziehbar machten. Schließlich wurde die Tragik der Handlung vor allem durch das deprimierende Märchen der Großmutter, die dies den zurückgelassenen Kindern erzählt, in symbolischer Art den Zuschauern deutlich. Melanie K. als ‚unpädagogische‘ Großmutter und Alice D. als Mädchen aus dem Märchen gelang es, die ganze Traurigkeit der Welt dieses Dramas höchst konzentriert zu vermitteln. So erschien auch die Tat Woyzecks auf der Bühne glaubwürdig. Das Drama endete passend mit der sarkastischen Siegesbekundung des Hauptmanns und des Doktors, es habe schon lange nicht mehr einen solch schönen Mord in der Stadt gegeben. Damit ging von dem Stück auch die Anregung aus, sich über die Entstehung von Gewalt auch in unserer Gesellschaft mehr Gedanken zu machen.
Das Publikum feierte die große Leistung der Theater-AG mit lang anhaltendem Beifall.
