Wozu Latein?
Latein ist deshalb nicht tot, weil es in unserer gesamten Kultur fortlebt. Es ist kein Zufall, dass Worte wie "Kalk", "Mauer", "Ziegel" aus dem Lateinischen stammen (calx, murus, tegula): Unsere germanischen Vorfahren haben nicht so massiv zu bauen gewusst. Sie kannten keinen Keller (cellarium) noch echte Straßen (via strata). Die Römer, die selbst wiederum vieles von den kulturell überlegenen Griechen übernommen hatten, vermittelten ihnen neben dem Rettich (radix) auch den Kohl (caulis), den Käse (caseus), den Pfirsich (persicum), Gewürze wie den Pfeffer (piper) und natürlich den Wein (vinum). Auch unser Most ist eine Gabe der Römer (mustum). An unzähligen weiteren Beispielen könnten wir belegen, welchem Kulturimport aus der Antike wir unser heutiges Leben und Denken verdanken. Unsere Lebenswelt ist sozusagen ein Haus auf griechisch-römischen Säulen. Viele moderne Sprachen sind direkte "Kinder" des Lateinischen:
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Die wichtigsten direkt aus dem Lateinischen entstandenen (=romanischen) Sprachen: |
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Französisch |
Spanisch |
Rätoromanisch |
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Italienisch |
Portugiesisch |
Rumänisch |
Besonders diese romanischen Sprachen können leichter mit Latein gelernt werden; umgekehrt bieten sich an unserer Schule auch bei der Sprachenfolge Französisch-Latein willkommene Möglichkeiten, Synergieeffekte auszunutzen: Französischvokabeln bleiben besser haften, wenn sie zum Erstaunen der Schüler ganz ähnlich auch im Lateinischen entdeckt werden und dem Latein hilft es natürlich auch, wenn schon auf parallele Vokabeln oder ähnliche Grammatik zurückgegriffen werden kann.
Aber auch nichtromanische Sprachen sind wie das Deutsche z.T. erheblich von der römischen Kultur beeinflusst. So besteht z.B. der Wortschatz des modernen Englisch zu über 50% aus Vokabeln, die aus dem Lateinischen stammen. Noch höher dürfte dieser Anteil bei den Fachausdrücken in den einzelnen Wissenschaften liegen: sie basieren in ihrer überwältigen Mehrzahl auf griechisch-lateinischem Vokabular.
Aber es geht beim Lateinunterricht gar nicht nur um das Sprachenlernen und überhaupt um die direkte Verwertbarkeit des Lateinischen für andere Zwecke. Es geht auch nicht in erster Linie um die Förderung von Sekundärtugenden wie Genauigkeit des Lesens und Präzision im logischen Kombinieren, die im Lateinunterricht als dem „mathematischsten“ Fach unter den Sprachen in besonderem Maße trainiert werden. Sicher: Auch das sind gute Gründe, Latein zu lernen. Aber wir sollten noch eine Ebene tiefer vordringen.
Latein ist das Fach, das uns – auch stellvertretend für Griechisch – die Kenntnis von der antiken Kultur vermittelt. Nun gut, irgendwann ist Latein zugegebenermaßen als lebendige Sprache untergegangen, aber erstens nicht ganz, und zweitens ist sie das schon lange, nicht erst mit unserer heutigen Zeit. Schon in der Spätantike waren die alten Sprachen als lebendig gesprochene Sprachen ausgestorben. Tot war aber nicht die über sie vermittelte Kultur. Ganz im Gegenteil: Auf viele spätere Generationen hat die Antike einen ganz bestimmenden Einfluss ausgeübt, am stärksten wohl in den Zeiten der Renaissance und der Aufklärung. Vielleicht sollte allein das uns zu denken geben. Wir sollten prüfen, worin diese Sogwirkung der Antike bestand, bevor wir das ganze Paket ungeöffnet über Bord werfen, nur weil es alt ist. Oder sollten wir, weil schon jetzt einige – und zwar gar nicht so wenige – Leute rein sprachlich Schwierigkeiten haben, „klassische“ deutsche Texte noch zu verstehen, in wenigen Generationen Goethe, Schiller und Kant über Bord werfen?
Das wichtigste Argument für eine Sprache ist also nicht unbedingt die Frage, ob sie noch irgendwo von irgendwem gesprochen wird, sondern das wichtigste Argument ist: Welche kulturellen Leistungen sind in dieser Sprache formuliert worden?
Und damit kommen wir zu einer anderen Perspektive. Wir hätten uns oben auch fragen können: Wozu Reisen? Warum fahren wir in ferne Länder? Was fasziniert uns an der Provence? Warum sehen sich Millionen von Touristen freiwillig die Athener Akropolis an? Was reizt den Globetrotter an Bekanntschaft mit Turkmenen und Mongolen? Es sind die Neugier und das Interesse für andere Kulturen. Es ist – neben dem Erholungswunsch (der sich ja auch in der Heimat erfüllen ließe) – die Spannung, das eigene Leben mit dem fremder Kulturen zu vergleichen und zu bereichern.
Und hier können Latein und Griechisch Beachtliches leisten. So, wie das Reisen unser Weltbild horizontal (also in der Bandbreite der heutigen Kulturen) erweitert, so sind die alten Sprachen in besonderer Weise dazu geeignet, um unsere Lebensauffassung in vertikaler Richtung (also im Bereich der Zeit) zu bereichern, denn die Antike war nicht irgendeine von vielen Epochen, sondern ist die Wiege von fast allen Grundideen, von denen wir heute noch zehren. Egal, ob es um Demokratie und überhaupt die richtige Staatsform geht oder um Atomtheorie oder Fragen, ob die Welt nach einem Plan oder vom Zufall geleitet wird – die Grundfragen hierzu hat die Antike gestellt; oft genug sind die Antworten der Neuzeit darauf gerade von Personen gefunden worden, die sich eben auch mit dem Ursprung dieser Fragen beschäftigt haben, gleich ob sie Architekten (z.B. Schinkel, von Klenze), Politiker (z.B. Jefferson, der auch als Architekt hervortrat), Philosophen (z.B. Kant, Hegel, Heidegger), Physiker (z.B. Newton, Einstein) oder Vordenker der Pädagogik (z.B. Rousseau) waren. Egal, wohin wir treten: Wir stehen auf antikem Boden.
Es ist also kein Zufall: Die Beschäftigung mit unseren Ursprüngen, die Auseinandersetzung mit den Anfängen unseres eigenen Weltbildes und auch mit möglichen Gegenmodellen dazu, kurz - die Beschäftigung mit dem „nächsten Fremden“ für uns (Uvo Hölscher), ist ein Bildungsinhalt, der in besonderer Weise dazu geeignet ist, den gymnasialen Bildungsauftrag der Allgemeinbildung zu erfüllen. Nichts im späteren Leben ist wichtiger als die Wertvorstellungen, das Normgefüge, kurz - der Charakter, den ein junger Mensch – nicht etwa besitzt, sondern den er sich über das, woran er sich eben gebildet hat, erworben hat. Bildung ist Prägung.
Natürlich muss die Schule die Grundlagen für die weitere Ausbildung im Studium oder Beruf schaffen. Aber das Ziel der Schulbildung des Gymnasiums ist der Mensch als Ganzes, nicht nur der arbeitende Mensch. Deshalb muss unser Ziel sein, gerade auch durch die „toten“ Sprachen die lebendige Auseinandersetzung mit den Bereichen unserer Kultur anzustoßen.
Fazit: Latein ist nicht tot, auch wenn es keine native speaker mehr hervorbringt. Es ist lebendig durch die antike Kultur, die es hautnah vermittelt. Und es ist lebendig durch alle, die es mit Freude lernen und lehren.
Zuletzt verändert: 2009-03-04 16:43 PM