Scheffelpreisrede von Amelie Spang, 3.7.2026

Liebe Familien, liebe Lehrerinnen und Lehrer, und vor allem: lieber Abiturjahrgang 2026!
Vorab möchte ich mich ausdrücklich bei Frau Klein bedanken, die uns mit viel Freude und Engagement in unserem Deutsch-Leistungskurs begleitet hat, und mir auch beim Verfassen dieser Rede zur Seite gestanden ist.
Als ich von ihr vor wenigen Tagen die Nachricht erhalten habe, dass ich die diesjährige Scheffelpreis-Rede halten darf, war nach der Freude über den Scheffelpreis und dem gleichzeitigen Respekt, hier heute vor so einem großen Publikum eine Rede zu halten, mein nächster Gedanke „Warum frage ich nicht einfach mal ChatGPT?“
„Schreibe eine tiefgründige, aber ermutigende Rede für meine Zeugnisverleihung“.
Innerhalb von drei Sekunden hätte ich ein fertiges Skript mit Worten wie„Synergie“, „Meilenstein“ und „Zukunftsvisionen“ gehabt. Fehlerfrei. Strukturiert. Und leblos. Die Rede einer Maschine, die versucht, menschliche Rührung zu imitieren.
Da wurde mir klar: Genau darum sind wir heute hier. Nach Jahren des Paukens, des Analysierens von Gedichten und des Verfassens von Erörterungen im Deutschunterricht geht es beim Scheffelpreis nicht darum, wer die beste Suchanfrage generiert, um eine möglichst perfekte Rede zu halten. Es geht darum, wer in einer Welt voller KI-Texte sich noch selbst ausdrücken kann. Dem hoffe ich gerecht zu werden.
Wir, der Jahrgang 2026, haben eine Schulzeit hinter uns, die von großen Veränderungen geprägt war.
Als wir am DBG anfingen, haben wir noch Vokabeln aus Papierbüchern gelernt. Heute diskutieren wir im Unterricht darüber, ob eine KI unsere Hausaufgaben, GFSen und selbst Klausuren besser schreibt als wir selbst.
Insbesondere Corona war ein massiver Einschnitt. Wir wurden ins kalte Wasser geworfen, saßen monatelang isoliert in unseren Zimmern, mussten uns selbst organisieren, neue Technik meistern und mit Zweifeln umgehen.
Dabei haben wir Selbstständigkeit, Flexibilität und Krisenkompetenz bewiesen, die in keinem Lehrplan stehen.
Wir haben am DBG nicht nur gelernt, was ein „Chiasmus“ oder eine „Alliteration“ ist. Wir haben gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.
In Zeiten von Fake News und Algorithmen, die uns vorschreiben wollen, was wir zu denken haben, ist die Fähigkeit zur kritischen Analyse für uns alle die wichtigste Überlebensstrategie.
Kompass kann dabei unser Schulnamensgeber sein. Dietrich Bonhoeffer war kein Mann der leeren Phrasen. Er war ein Mann des Wortes, das zur Tat wird.
Ein Zitat von ihm, das dies widerspiegelt und immer aktuell bleibt, lautet:
„Den größten Fehler, den man im Leben machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.“
Bonhoeffer hat vorgelebt, dass Bildung Verpflichtung bedeutet. Verpflichtung zur Zivilcourage. Verpflichtung, sich nicht hinter Einheitsdenken zu verstecken. Verpflichtung, menschlich zu handeln und laut zu werden, wenn Unrecht geschieht.
Sprachkompetenz und eigenständiges Denken sind die Grundlage für Gemeinschaft und Menschlichkeit.
Worüber wir präzise sprechen können, das können wir auch intellektuell durchdringen. Wer Sprache beherrscht, kann sich eine fundierte Meinung bilden.
Sprache umfasst einerseits das Lesen.
Durch Lesen wird uns die Macht von Sprache vor Augen geführt.
In dem für unsere Abiturprüfung relevanten Roman „Heimsuchung“ stellt die Autorin Jenny Erpenbeck keine Heldenfigur und keine Botschaft ins Zentrum, sondern sie zeigt anhand eines einzelnen Ortes, wie Geschichte sich in Menschen einschreibt und wie die Menschen an diesem Ort Spuren hinterlassen. Mit kontrollierter, nüchterner Sprache lässt sie eine Art „literarische Sedimentbildung“ entstehen. Der Text hat sich keinem von uns schnell erschlossen. Vielmehr musste man als Leser Schicht um Schicht freilegen. Schnell mal Durchlesen war also nicht möglich, um den Text zu begreifen, der dem Leser die Verantwortung überlässt für das Verstehen, das Verknüpfen und das Deuten.
Eine weitere Dimension von Sprache ist der Austausch über das Gelesene. Ein gemeinsames Lektüreprojekt ist besser als jede KI, wenn es um echtes Verständnis von Sprache, um das Verstehen und das Interpretieren geht. KI kann zwar Texte blitzschnell zusammenfassen und Muster erkennen. Der Mensch jedoch denkt. Denken bedeutet innezuhalten und zunächst einen inneren Dialog mit sich selbst zu führen.
Und KI isoliert: Die Interaktion mit einer KI bleibt ein Dialog in einer künstlichen Realität.
Dagegen bedeutet der gemeinsame Gedankenaustausch über das unterschiedliche Verständnis von Sprache und Inhalt, von Figuren und Emotionen gelebte Pluralität.
Diese Pluralität wurde uns in der Schule vermittelt.
Heute verlassen wir nun das DBG mit einem Zeugnis in der Hand.
Es ist das Fundament, auf dem wir unsere eigene Zukunft aufbauen.
Die Welt da draußen wartet auf Menschen, die den Mut haben, eigenständig zu denken, zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen.
Uns das anzueignen, hätten wir niemals allein geschafft. Daher sage ich im Namen aller heutigen Abiturientinnen und Abiturienten:
♦ Danke an unsere Lehrerinnen und Lehrer, die uns nicht nur korrigiert, sondern auch unterstützt haben. Danke, dass Sie auch dann noch ein Ohr für uns hatten, wenn die Klausurvorbereitungen mal wieder nicht ganz so effektiv waren, wie geplant, oder wir ein Thema auch nach der fünften Erklärung noch nicht verstanden haben.
♦ Danke an unsere Eltern und Familien, die uns in Momenten der Verzweiflung sowohl vor als auch nach den Prüfungen mit Zuspruch zur Seite standen und uns geduldig ertragen haben.
♦ Und vor allem: Danke an euch, liebe Mitschüler. Für die gemeinsamen (viel zu kurzen) Pausen, die geteilte Nervosität vor den Klausuren und dem Abi, den Spaß bei unseren Studienfahrten und im Schullandheim.
Es war eine ereignisreiche Zeit mit Höhen und Tiefen sowie mit Differenzen. Aber gerade die schwierigen Phasen und zwischenmenschlichen Reibungen haben uns geprägt und bergen ein großes Potenzial für persönliche Entwicklung und Reife.
Lieber Jahrgang '26, jetzt stehen wir alle an der Schwelle zu etwas völlig Neuem. Einige von uns wissen genau, wohin der Weg führt.
Andere sind noch planlos oder genießen erstmal die neu gewonnene Freiheit. Und das ist völlig in Ordnung.
Das Leben ist kein ausformuliertes Skript, das für jeden gleich funktioniert.
Jeder und jede von uns wird seinen oder ihren Weg finden, während der Anfang für immer die gemeinsame Schulzeit bleibt.
Nutzt eure Stimme. Bleibt sachlich kritisch.
Und vergesst niemals, wo ihr gelernt habt, eure eigenen Worte zu finden - am DBG.
Uns allen: Herzlichen Glückwunsch zum Abitur!
Vielen Dank fürs Zuhören.

